Unser Kamerad Werner Fischbach beschäftigte sich mit der Bedrohung für amerikanische Carrier Strike Groups durch chienische „Antiship Ballistic Missiles" (ASBM) und hat diesen Bericht verfasst.
Wurde der rotchinesischen Marine PLAN (People Liberation Armys Navy) vor wenigen Jahren noch eine geringe Schlagkraft zugestanden, so hat sich das in der letzten Zeit geändert. Zu ihrer 60. Geburtstagsfeier, zu welcher auch der Inspekteur der deutschen Marine, Vizeadmiral Wolfgang E. Nolting, eingeladen worden war präsentierte sie sich jedoch als moderne Streitkraft. Kpt.z.S. Markus Krause-Traudes, Referatsleiter für Konzeption und planerische Vorgaben sowie internationale Zusammenarbeit im Führungsstab der Marine, hat seine Eindrücke über den Besuch und seine Einschätzung über die PLAN in einem Fachartikel, der in der Juli/Augustausgabe 2009 des MarineForums erschienen ist, geschildert. Er beschreibt den Willen der chinesischen Führung, „die stärker werdende PLA Navy als legitime Konsequenz der wirtschaftlichen und gesamtstaatlichen Entwicklung Chinas darzustellen, die durch die gezeigte Offenheit und Transparenz sowie dem festen Willen zur Kooperation auf See ... für keine andere Nation eine Bedrohung darstellt.“
Gleichzeitig betonte Kpt.z.S. Krause-Traudes, dass die Volksrepublik China ihre Flotte zur Machtprojektion bewusst einzusetzen bereit ist. Doch dies dürfte nicht nur dem, wie er schreibt, „Zwecke des Schaffens von Frieden und Harmonie auf den Weltmeeren“ dienen. Um ihre Bevölkerung einigermaßen bei Laune zu halten, muss der chinesischen Führung daran gelegen sein, das wirtschaftliche Wachstum weiterhin mit Zuwachsraten, von denen die Länder Westeuropas und Nordamerikas nur noch träumen können, zu stabilisieren. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass sich die Volksrepublik die dazu erforderlichen Rohstoffe und deren Zufuhr sichert. Die Regierung ist deshalb in allen Teilen der Welt aktiv und scheut dabei auch keine Konfrontationen mit anderen Regierungen. Die Rolle der PLAN bekommt da eine ganz andere Bedeutung. So besteht, wie Krause-Traudes in seinem Beitrag hervorhebt, „zwischen der heute publizierten, grundsätzlich defensiven Einstellung der strategischen Ebene und der künftig angestrebten Fähigkeit zur offensiven und pre-emptiven vernetzten Operationsführung auf operativer und taktischer Ebene“ eine unübersehbarere Diskrepanz. Denn die chinesische Regierung verfolgt Rüstungsprogramme, die über das Ziel der Selbstverteidigung weit hinausgehen. Eines davon ist das „Antiship Ballistic Missile (ASBM)“ – Projekt und seine Auswirkungen auf die Fähigkeit der US Navy, „power projection“ in allen Teilen der Welt durchzuführen.
Die ASBM DF-21E wurde aus der ballistischen Mittelstreckenrakete DF-21 entwickelt – hier eine Aufnahme aus dem Pekinger Militärmuseum (Foto: Max Smith / Wikipedia)
ASBMs gegen amerikanische „Carrier Strike Groups (CSGs)“?
Offensichtlich hat Peking aus den Erfahrungen aus der Taiwankrise in den Jahren 1995/96 gelernt. Damals musste die chinesische Führung sich eingestehen, dass den US Trägerkampfgruppen der USS „Nimitz“ und USS „Independance“ militärisch nichts entgegen setzen konnte. Offenbar führte diese Erkenntnis zu dem Entschluss, aus der ballistischen Mittelstreckenrakete DF-21D (Dong Feng 21), die im Westen als CSS-5 bezeichnet wird, eine Waffe zur Schiffsbekämpfung und ganz speziell der amerikanischen Trägerkampfgruppen zu entwickeln. Sie wird als DF-21E bezeichnet. Diese Rakete soll von mobilen Plattformen an Land abgeschossen werden können und Ziele in einer Entfernung von ca. 2000 km innerhalb von zwölf Minuten erreichen können. Das Waffensystem soll nach chinesischen Quellen inzwischen einsatzfähig sein.
Ohne Zweifel, die chinesischen ASBMs stellen eine Bedrohung für amerikanische Trägerkampfgruppen dar, die in der Straße von Taiwan und im westlichen Pazifik operieren. Als die Existenz der ASBMs vom US Verteidigungsministerium im März 2008 bestätigt wurde, rief dies bei der US Navy etwas Unruhe hervor. Was als eine vorsichtige Beschreibung bezeichnet werden kann. Das US Naval Institute (USNI) sprach von „panic inside the (U.S. Navy leadership) bubble.“ Dr. Andrew S. Erickson vom Naval War College und David D. Young von RAND Corporation griffen das Thema in einem Beitrag in der vom USNI herausgegebenen Zeitschrift „Proceedings“, dem sie den Titel „On the Verge of a Game-Changer“ gaben, auf. (Dr. Erickson ist zudem mit einem Artikel bei der Jameston Foundation auf Chinas ASBM-Entwicklung eingegangen) Die amerikanischen Streitkräfte, insbesondere die Marine, haben keine derartige Waffe in ihrem Arsenal. Was auch nicht weiter verwunderlich ist. Welche Trägerkampfgruppen sollten damit auch bekämpft werden?
Für den Einsatz der DF-21E ASBMs ist nicht die chinesische Marine zuständig, sondern die Strategische Raketentruppe, die in den Beiträgen als „Second Artillery“ bezeichnet wird. In dieser Truppe dient eine überdurchschnittliche Zahl von Offizieren mit Hochschulausbildung; 78,2% verfügen über einen Bachelor- oder höherem Bildungsabschluss. Die Aufgaben, welche die „Second Artillery“ für den Einsatz der ASBMs vorsieht, sind in einem Handbuch zusammengefasst. Es sind insgesamt fünf, die nachfolgend wörtlich aus den Beiträgen von Dr. Erickson in englisch aufgeführt werden sollen:
Firepower harassment strikes (huoli xirao) involve hitting carrier strike groupsFrontal firepower deterrence (qianfang huoli shezu) involves firing intimidation salvos in front of a carrier strike group to serve as warningFlank firepower expulsion (yice huoli qugan) combines interception of a carrier strike group by Chines naval forces with intimidation salvos disigned to direct it away from the areas where China feels most threatendConcentrated fire assaults (jihuo tuji) involves striking the enemy´s core carrier as with a ´heavy hammer`Information assault (xinxi Gongji) entails attacking the carrier strike group´s command and control system electronmagnetically to disable.
Allerdings fragt sich, wie die „Second Artillery“ ihre Angriffe durchführen möchte. Schließlich ist es nicht einfach, eine Trägerkampfgruppe in den Weiten des Pazifiks zu finden. Das gleicht zwar nicht unbedingt der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, aber es erfordert eine gewisse Anzahl von Sensoren. Zwar hat China inzwischen Satelliten im Weltraum stationiert; darunter befinden sich bestimmt einige, die militärischen Zwecken dienen. Doch reichen diese aus, um eine in Bewegung befindliche Trägerkampfgruppe exakt zu orten oder sind zusätzliche Sensoren an Land oder an Bord von Kriegsschiffen erforderlich? Welche anderen Sensoren können die chinesischen Streitkräfte einsetzen? Anzunehmen ist, dass der bzw. die Gefechtsköpfe mit entsprechenden Radarsystemen ausgerüstet sind, die sich dann das Ziel mit der größten Reflektionsfläche, also den Flugzeugträger, aussuchen können. Aber wie soll das dann mit dem Warnschuss vor den Bug („salvos in front of the carrier strike group“) funktionieren? Und führt die „Second Artillery“ den Einsatz ihrer ASBMs autonom durch oder nur in Absprache mit der PLAN?
Weitere Fragen ergeben sich hinsichtlich des Einsatzkonzepts. Wie sehen die Grundsätze für den Einsatz von ASBMs aus? Welches sind die Voraussetzungen für den Einsatz? Soll zunächst ein Sprengkopf eingesetzt werden oder gleich mehrere auf einmal? Und wie wird die angegriffene Trägerkampfgruppe auf einen Warnschuss reagieren? Wie kann der Kommandeur einer CSG unterscheiden, ob es sich beim Einschlag einer ASBM in die See lediglich um einen Warnschuss oder um einen wirklichen Angriff handelt, der sein Ziel verfehlte? Und wie wird er bzw. die US Regierung dann darauf antworten?
Bedrohung amerikanischer Trägerkampfgruppen durch chinesische ASBMs – John C. Stennis Carrier Strike Group im westlichen Pazifik (Foto: Josue L. Escobosa / US Navy)
Wie real ist die Bedrohung?
Berechtigterweise weist der ehemalige Direktor des Marinegeheimdienstes („Naval Intelligence“), Rear Admiral T.A. Brooks, darauf hin, dass eine derartige Bedrohung nichts neues ist und erinnert daran, dass die Sowjetunion bereits in den siebziger Jahren versucht hat, mit der SSN-X-13 eine ballistische Antischiffsrakete zu entwickeln. Die UdSSR hatte damals viel in den Aufbau von satellitengestützten Radaraufklärungssystemen investiert, was der US Navy ernsthafte Sorge bereitete. Denn sie fürchtete um die Sicherheit ihrer Flugzeugträger. Doch in den frühen achtziger Jahren haben die Sowjets das Programm aus mehreren Gründen wieder aufgegeben.
Zum einen waren für das System atomare Sprengköpfe erforderlich gewesen. Der Einsatz der SSN-X-13 hätte dann unweigerlich zu einem Nuklearkrieg geführt. Desweiteren hatte sich herausgestellt, dass das satellitengestützte Radarsystem nicht in der Lage war, amerikanische Trägerkampfgruppen verlässlich aufzuspüren, zu identifizieren und die Sprengköpfe präzise zu ihrem Ziel zu führen. Deshalb wäre für den letzten Teil des Raketeneinsatzes eine sehr präzise Radarführung vor Ort, d.h. durch einen Sensor in der Nähe der CSG erforderlich gewesen. Als Basis für derartige Sensoren kamen nur Atom-U-Boote in Frage, so dass es sinnvoller war, diese mit entsprechenden Raketensystemen auszurüsten und ihnen die Bekämpfung von Flugzeugträgern zu übertragen. Natürlich ist sich Admiral Brooks bewusst, dass den Sowjets damals nicht jene Technik zur Verfügung stand, auf welche die Chinesen heute zurückgreifen können. Aber, so wendet er ein, damals waren die amerikanischen Seestreitkräfte auch nicht mit jenen weiterentwickelten Raketenabwehrsystemen ausgerüstet, über welche sie heute verfügen. Deshalb meint er, dass die Chinesen hinsichtlich der Führung ihrer ASBMs vor denselben Problemen stehen würden wie die Sowjets in den siebziger Jahren. „The DF-21E will be a game changer only if we make it one.“
Weitere Kommentatoren sind der Meinung, dass Chinas DF-21E zu sehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Denn die wichtigste Frage ist, weshalb China diese Waffe überhaupt einsetzen sollte. Denn schließlich handelt es sich bei der chinesischen Führung nicht um irgendwelche politischen Hasardeure, sondern um rational denkende Politiker. Ihnen müsste klar sein, dass der Einsatz von ASBMs gegen amerikanische Trägerkampfgruppen zu einer militärischen Auseinandersetzung mit den USA führen würde, die sich möglicherweise zu einem Nuklearkrieg ausweiten könnte. Weshalb sollte China deshalb die USA, ihren zweitwichtigsten Handelspartner, zu einem Krieg herausfordern? Zu einem Krieg, der beide Länder ruinieren würde, selbst wenn er nicht in einem nuklearen Schlagabtausch enden würde?
Die chinesische Regierung hat wohl kaum die Absicht, eine bewaffnete Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten zu suchen. Aber sie wollen mit ihren Streitkräften andere Staaten davon abhalten, sich in ihre staatlichen Interessen einzumischen und ihre wirtschaftliche Entwicklung zu bedrohen. China möchte offensichtlich nicht länger nur als regionale Macht verstanden werden, sondern mit den USA auf Augenhöhe verhandeln können. Das gilt ganz besonders dann, wenn es um die Taiwan-Frage und die Rolle der USA als Schutzmacht der chinesischen Inselrepublik geht. Dabei dienen die strategischen Raketen der Volksrepublik als Mittel zum Zweck. Die Gefahr der chinesischen ASBMs zu bannen, ist deshalb mehr eine Aufgabe der amerikanischen Diplomatie als der Navy.
Werner Fischbach

