Die "Null-Vierer-Wache"
Damit ein Schiff überhaupt zur See fahren kann, müssen die Antriebsanlagen und viele andere technische Einrichtungen an Bord reibungslos funktionieren. Wie bei einem Auto müssen ständig regelmäßige Kontrollen, z.B. der Ölstände und der beweglichen Teile am Motor, durchgeführt werden. Allerdings im laufenden Betrieb – denn ein Schiff ist auf See 24 Stunden in Betrieb. Um dieses zu gewährleisten, ist das schiffstechnische Personal des Schiffes in drei Wachen – sogenannte Seewachen – eingeteilt. Sie lösen sich jeweils im Vier-Stunden-Rhythmus ab. Die erste Seewache eines Tages geht folglich von 0 Uhr bis 4 Uhr und heißt „Null-Vierer-Wache“ – oder, weil sie mitten in der Nacht liegt und man als entsprechender Wächter ein armes Schwein ist, „Schweinewache“.
Die Wache beginnt aber bereits eine Stunde früher, also um 23:00 Uhr. Man wird von seiner Vorwache mehr oder weniger sanft geweckt und hat gerade noch Zeit, sich die Zähne zu putzen und den Schlaf aus den Augen zu waschen, bevor es in die Messe geht. Das ist kein Gottesdienst, sondern das Wohn- und Esszimmer der Soldaten. Dort wartet bereits der „Mittelwächter“, eine kleine Mahlzeit für die aufziehende Wache. Bei dem einen als Kalorienbombe verachtet, nehmen sich andere sogar noch einen Nachschlag.
Einigermaßen wach und mehr oder weniger gesättigt, geht es zur Wachmusterung. Hierzu trifft sich die gesamte Seewache vor der Ablösung vor dem Schiffstechnischen Leitstand, dem technischen Überwachungszentrum des Schiffes. Der Wachoffizier Schiffstechnik mustert, d.h. es wird kurz und knapp besprochen, welche Anlagen in Betrieb sind, welche Störungen während der Vorwache aufgetreten sind und ob diverse Wartungsarbeiten durchgeführt werden müssen. Einige Punkte zur allgemeinen Lage, in der sich das Schiff befindet, runden das Bild ab und dienen dazu, dass die Soldaten der Wache in etwa wissen, was um sie herum vorgeht.
Die deutsche Fregatte EMDEN nimmt derzeit an der Operation ENDURING FREEDOM am Horn von Afrika teil. Bis Mitte Juni noch wird die EMDEN in diesem Seegebiet patrouillieren und den regionalen Schiffsverkehr, zumeist die hier typischen arabischen Dhows, befragen und bei Bedarf auch näher untersuchen. Der Auftrag lautet, möglichst viel über die Region zu erfahren und durch die ständige Präsenz und Aufklärungsarbeit die Nachschub- und Transportwege für Personal und Waffen von Terroristen wirksam zu behindern – hierbei zählt jedes Detail. Ein komplexer, aufwendiger und nicht ungefährlicher Auftrag, denn man weiß nie so genau, wen man trifft und anhält.
Hier unten in der Schiffstechnik – in der „Heizerei“, wie die Besatzung liebevoll sagt – merkt man davon freilich wenig. Hier zählt das routinemäßige Tages- bzw. Nachtgeschäft. Und das sieht jetzt, um 23:45 Uhr, Wachablösung vor:
Der Großteil der Mannschaften und Unteroffiziere löst vor dem Leitstand ab, das Personal an den Pulten, den großen Bedienkonsolen im Leitstand, an denen die einzelnen schiffstechnischen Anlagen der Stromerzeugung, des Antriebes und des Schiffsbetriebes überwacht werden, wird direkt abgelöst. Die Überwachung darf keinen Moment unterbrochen werden. Das Führungspersonal der beiden Wachen, die beiden wachhabenden Offiziere und ihre Meister haben schon vor der Wachmusterung und dem Wachwechsel ihre Informationen ausgetauscht und wechseln jetzt nur noch die Plätze.
Keine fünf Minuten später kehrt so auch wieder die gewohnte Ruhe im Leitstand ein, die Wachübergabe ist vorüber. Alle haben ihre Plätze eingenommen. Jeder nimmt seine Aufgabe war. Jeder weiß, was er zu tun hat.
Doch lange hält diese Ruhe nicht an, denn bald schon machen sich die so genannten „Rondengänger“ klar. Jeder Bereich der Schiffstechnik (Schiffsbetriebstechnik, E-Technik / Stromerzeugung und Antriebstechnik) hat seinen eigenen Kontrollrundgang, und auf jedem Rundgang werden eigene spezielle Anlagen kontrolliert.
Dabei hat der Schiffsbetriebstechniker den weitesten Weg zurückzulegen, da „seine“ Anlagen über das komplette Schiff verteilt sind: Rudermaschine, Frischwassereinrichtungen, Abwasseraufbereitung in Verbindung mit der Toilettenanlage, die Feuerlöschpumpen, das Seekühlwassersystem, die Flossenstabilisierungsanlage und auch die gerade in diesen warmen Gefilden wichtigen Turbokaltwassersätze (die zur Kühlung des Schiffes, aber auch der vielen elektronischen Anlagen an Bord benötigt werden).
Der Rondengänger Elektrotechnik muss auf seiner Ronde nicht ganz so weit laufen, da nur die E-Diesel (vier Dieselmotoren mit Generatoren, die den Strom erzeugen) und die Umformer (die dafür sorgen, dass die richtige Spannung und Frequenz geliefert wird) zu kontrollieren sind.
Auch die Ronde der Antriebstechnik ist recht kurz. Zu kontrollieren hat der Rondengänger alles, was der Fortbewegung des Schiffes dient, unter anderem die zwei großen Antriebsdieselmotoren und die zwei Gasturbinen für die Höchstfahrt von 30 Knoten (fast 60km/h), die Kupplungen, Getriebe und die Propellerverstelleinrichtung, die die Leistung der Motoren und Turbinen in das Wasser übertragen.
Im Durchschnitt dauert so eine schiffstechnische Ronde eine Stunde. Je nach personeller Stärke einer Seewache können sich die Rondengänger von Ronde zu Ronde abwechseln. Oft liegen aber während der Wache noch diverse Arbeiten an, so dass ein Mannschaftsdienstgrad beide Ronden gehen muss. In jedem Fall geht der jeweilige Unteroffizier aber zum Ende der vier Stunden noch eine so genannte „Uffz-Ronde“.
Während die Rondengänger unterwegs sind, sitzen die Unteroffiziere im Leitstand an den Pulten und überwachen die Anzeigen. Offiziere und Meister (Portepeeunteroffiziere) greifen erst ein und treffen Entscheidungen, wenn ein Alarm am Pult signalisiert, dass ein Messwert (ein Druck oder eine Temperatur) von seinem Sollwert abweicht. Für eventuelle Notfälle, die ein schnelles Eingreifen erforderlich machen, hat der Wachhabende Offizier die Mannschaftsdienstgrade der Wache, die vor dem Leitstand in Bereitschaft sitzen.
Zum Glück sind es aber meistens nur Kleinigkeiten, die während so einer Wache passieren. Verstopfte Toilettenanlagen, defekte Wasserhähne, Isolationsfehler, defekte Pumpen, defekte Dichtungen, undichte Absperrschieber.
Die ausgebildeten Schiffstechniker, die „Heizer“, wie sie im Marinedeutsch genannt werden, machen an Bord alles, was ein Schlosser, Werkzeugmechaniker, Elektriker oder Klempner erledigt.
Und dann sind da natürlich noch die kleinen Hilfen und Dienstleistungen für die eigenen Kameraden: Hier muss noch eine Laptophalterung gebaut werden, außerdem fehlt noch ein 220V-Trafo und irgendwo ist sicher noch eine Spindtür, die nachts quietscht und ein bisschen Öl braucht.
So vergehen auch die vier Stunden bis 04:00 Uhr - und ganz schnell ist es wieder soweit, die Nachfolger sind zu wecken und lösen nach der Musterung hoffentlich pünktlich um „Viertel vor“ ab.
Meistens kann man sich dann noch bis 07:00 Uhr auf die Koje legen, denn dann ist es auch schon wieder soweit und es heißt: „Rise, rise, aufstehn!!!“ und der Tagesdienst beginnt.