Morgens, 6.30 Uhr...
Korvettenkapitän Bernhard Veitl gibt die Kommandos während des Versorgungsmanövers (Quelle © 2006 Bundeswehr / Jan Giesecke)
„Guten Morgen, Herr Kap’tän!“ schallt es dem Ersten Offizier, Korvettenkapitän Bernhard Veitl, frühmorgens um Punkt 6.30 Uhr aus 221 Kehlen entgegen. Dieser meldet danach dem Kommandanten, dass die Besatzung vollzählig zum Auslaufen angetreten sei. Es ist Mitte Mai und die Fregatte EMDEN verlässt nach sieben Tagen Erholung den Hafen von Mascat, um ihren Antiterroreinsatz am Horn von Afrika fortzusetzen.
Während der größte Teil der Besatzung am Vortag noch einmal die Gelegenheit nutzte, einzukaufen oder an den Strand zu gehen, plante Bernhard Veitl bereits minutiös den folgenden Auslauftag. Der gebürtige Regensburger hat im Hafen zwar keinen Wachdienst, dennoch hat er weniger Freizeit als die restliche Besatzung. Außer dem Tagesbefehl, den er täglich für den nächsten Tag erstellt, ist er für den kompletten Innendienst und damit für alle Angelegenheiten, Probleme und Wünsche seiner 210 Männer und elf Frauen zuständig. In dieser Rolle als Erster Offizier, im Marinejargon kurz IO (sprich eins-oh) genannt, muss er ständig Entscheidungen treffen und die können auch schon einmal unpopulär sein.
Der Kommandant hat seine Worte an die Besatzung gerichtet und ein Resümee des Hafenaufenthalts gezogen. Abschließend übergibt er die Besatzung wieder dem IO. Nun hat er die angetretenen Reihen wieder für sich. Er begrüßt Neuankömmlinge, schwört die Besatzung auf die vor ihr liegenden Aufgaben ein und hat schließlich noch eine ganz besondere Amtshandlung vorzunehmen - ein junger Wehrpflichtiger erhält vor der Front aus der Hand des Ersten Offiziers die Ernennungsurkunde zum Zeitsoldaten. Diese war während des Hafenaufenthalts per Post eingetroffen - selbst an den entlegensten Winkeln dieser Welt funktioniert die Postversorgung.
Dann übergibt der IO die Besatzung an seine Offiziere, die die einzelnen Hauptabschnitte des Schiffes übernehmen und die weiteren Arbeiten zur Vorbereitung des Auslaufens verteilen.
Diese Vorbereitungen – das Seeklarmachen – und das eigentliche Ablegen sind inzwischen eine Routinetätigkeit. Die Besatzung weiß, was sie zu tun hat. Bis acht Uhr hat Veitl aus allen Bereichen die geforderten Meldungen, dass diese klar zum Auslaufen sind. Alles läuft planmäßig, dennoch hat er Sorgenfalten auf der Stirn. Der Lotse des Hafens von Mascat ist immer noch nicht an Bord. Um pünktlich auslaufen zu können, wurde die Besatzung bereits um 5.30 Uhr geweckt. Alles lief wie am Schnürchen und dennoch wird das Schiff nun nicht mehr wie geplant um 8.30 Uhr auslaufen. Einem Teil der Besatzung bleibt verborgen, dass es am Lotsen liegt. Schnell kann der Gedanke aufkommen, dass der Erste Offizier zu früh hat wecken lassen. Damit umzugehen und trotzdem eine klare Linie für die Besatzung vorzugeben, machen einen guten IO aus. Er selbst hat stets ein offenes Ohr für die Besatzung und nimmt sich Zeit für die Belange seiner Soldaten.
Mal abschalten
Die Fregatte EMDEN im Einsatz - Am Horn von Afrika kontrolliert sie die Gewässer und sichert die Seewege. (Quelle © 2006 Bundeswehr / Jan Giesecke)
Mit 30-minütiger Verspätung löst sich die 130 Meter lange Fregatte endlich von der Pier. Majestätisch erheben sich die Berge, die die Stadt und den Hafen von Mascat umschließen. Wer Zeit hat, macht schnell noch ein letztes Foto, denn jetzt beginnt wieder ein zehntägiger Seetörn. Nun wird der Besatzung wieder einiges abverlangt werden. Das Schiff hat bereits Anfang Januar den Heimathafen verlassen. Es ist keine einfache Aufgabe, eine fast sechsmonatige Abwesenheit zu meistern. Bernhard Veitl ist vor zwei Jahren nach Loxstedt-Bexhövede in den Kreis Cuxhaven umgezogen. Dort erwarten seine Frau und seine beiden Kinder sehnlichst seine Rückkehr. Die Familie hat sich mit den Abwesenheiten arrangiert, schließlich fährt er seit 13 Jahren zur See. Bevor er Erster Offizier der EMDEN wurde, hatte er verschiedene andere Verwendungen, unter anderem als Kommandant eines Schnellbootes.
Mittlerweile ist das Schiff schon fünf Stunden in See. Die Temperaturen liegen bei 30 Grad und eine leichte Dünung wiegt das Schiff auf dem Weg in das zugewiesene Einsatzgebiet hin und her. Während die Besatzung ihre Seewachen geht, hat der Erste Offizier die nächste Besprechung anberaumt. Der Dienst für die nächste Woche ist vorzuplanen. Danach gilt es, E-Mails und Fernschreiben zu bearbeiten. Kurzfristig muss ein wichtiges Telefongespräch via Satellit geführt werden. Es geht um Personalgespräche seiner Soldaten. So vergeht der Tag bis zum Abendessen arbeitsreich und ohne Pause. Es gilt, die Sanitätsausbildung neu zu organisieren, um damit Vorgaben der vorgesetzten Dienstelle zu entsprechen. Wenn das erledigt ist, muss noch eine Planung zur Unterbringung neuer Offiziere abgeschlossen werden. Weil administrative Tätigkeit seinen Arbeitsalltag überwiegt, fährt er nur noch in Ausnahmefällen das Schiff selbst, nämlich dann, wenn es schwierig werden könnte. Das sind zum Beispiel An- und Ablegen oder Versorgungsmanöver in See. Der Dienstposten des Ersten Offiziers ist das Sprungbrett zum Kommandanten einer Fregatte.
„Alles in allem ein ruhiger Tag“, kann er resümieren. Schließlich war heute um 15 Uhr noch der Seemannssonntag. Den verbringt die Besatzung traditionell an jedem Donnerstag mit Kaffee und Kuchen in den Messen. Wenn alle Dinge des Tages erledigt sind, ist es die traditionelle Aufgabe des Ersten Offiziers, die Abenddurchsage an die Besatzung zu richten. Während dieser Durchsage, die den vergangenen und den kommenden Seetag kommentiert, sind viele Besatzungsmitglieder schon in ihren Messen. Die Seewächter, die nachts auf Wache aufziehen müssen, freuen sich schon auf ihre Kojen.
Gegen 23 Uhr lässt er den vergangenen Arbeitstag mit Gedanken an den nächsten Tag langsam ausklingen. Nicht, dass es nichts mehr zu tun gäbe, aber irgendwann muss auch ein Erster Offizier einmal abschalten. Über einen Monat trennen das Schiff und die Besatzung noch vom Einlauftermin in Wilhelmshaven. Erst dann heißt es ein bisschen entspannen – ein paar Tage Urlaub und Erholung will sich Bernhard Veitl gönnen, doch dann warten schon die nächsten Aufgaben. Ein Erster Offizier hat tatsächlich nie wirklich Freizeit – erst, wenn er versetzt wird und von Bord geht.
(Quelle: Presse- und Informationszentrum Deutsche Marine)