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Erstmalige Präsentation der „EMDEN-Decke" im Ostfriesischen Landesmuseum Emden am 9. Juni 2009

(Redebeitrag Björn von Mücke vor Ort anlässlich des Ereignisses)

"Für uns heute kaum nachvollziehbar ist die Begeisterung, mit der Deutschland und die Deutschen zu Beginn in den 1. Weltkrieg zogen. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche", sagte der Kaiser, und die Massen jubelten. Den Feinden wollte man es schon zeigen. Man wird den Menschen jener Zeit nicht gerecht, wenn man sie aus heutiger Sicht in Bausch und Bogen verurteilt. Es fällt nachfolgenden Generationen immer sehr schwer, sich in die gesellschaftlichen Randbedingungen von früher hineinzudenken, aber nur dann kann man eine gerechte Beurteilung jener Zeit treffen. Dann darf man sich auch ruhig mal fragen, wie hätte man selbst denn damals gehandelt.
Diese Begeisterung erfüllte auch die Besatzung des kleinen Kreuzers EMDEN, als dieser auf sich allein gestellt ohne Hafen, ohne Nachschub erfolgreich Kaperkrieg im Indischen Ozean führte, wohl wissend, dass die Übermacht der englischen, australischen, französischen, russischen, japanischen Gegner irgendwann zum Untergang führen musste.

Der Landungszug
Am 9. November 1914 schlug das Schicksal zu. Die EMDEN wurde von dem überlegenen australischen Kreuzer SYDNEY wrackgeschossen, 1/3 der Besatzung fiel, der Rest kam in Gefangenschaft, bis auf die 50 Mann des Landungszuges unter dem Kommando meines Vaters, die auf Direction Island der Keeling Islands im Indischen Ozean gelandet waren mit dem Auftrag, die dortige englische Kabel- und Funkstation zu zerstören. Zur Passivität verdammt mussten sie den Endkampf ihres Schiffes mit ansehen.

Auch ihnen drohte nun die Gefangenschaft. Um die zu vermeiden, griff man nach einem Strohhalm. Dieser Strohhalm hieß AYESHA und war ein altersschwacher Segelschoner, der im Korallenatoll der Insel vor Anker lag. Eine höchst abenteuerliche Flucht um den halben Erdball zurück in die Heimat nahm ihren Anfang, die leicht hätte zu einem Fiasko werden können, wenn nicht immer wieder glückliche Umstände das Weiterkommen ermöglicht hätten.
Mit Unterstützung der englischen Telegraphenbeamten, welche die Deutschen möglichst schnell loswerden wollten, setzte die AYESHA noch am Abend des 9. November die Segel, gelangte mit dem letzten Tageslicht an den vielen Korallenriffen vorbei in die hohe See und muß in Sichtweite die SYDNEY passiert haben, die dort wegen der Korallenriffe ankerte und den Landungszug am nächsten Tag bei Tageslicht gefangen nehmen wollte. Die Dunkelheit machte beide Schiffe voreinander unsichtbar.

In niederländische Gewässer
Auf See faulte das Trinkwasser in den Tanks der AYESHA. Um nicht zu verdursten, hätte man umkehren müssen, in die Gefangenschaft gehen müssen, wären nicht rechtzeitig Regenschauer gefallen, die aufgefangen werden konnten.
Die Monsunstürme in jenen Breiten zur üblichen Jahreszeit strapazierten die AYESHA aufs äußerste. Wie leicht hätte das altersschwache Schiff zerbersten können, wie es die englischen Besitzer bei der Requirierung des Schiffes prophezeit hatten. Aber sie hielt. Die gegnerischen Kriegsschiffe, die inzwischen von der Flucht der AYESHA unterrichtet waren, versuchten, sie abzufangen. Die herrschenden Windverhältnisse legten als Fluchtroute den Weg nach Niederländisch Indien nahe. So lag auch ein japanischer Kreuzer vor dem Hafen Padang, Sumatra, auf der Lauer und hatte seinen Posten nur für ein paar Stunden zum Ergänzen seiner Kohlenvorräte verlassen, als die AYESHA zufällig dieses Zeitfenster nutzen konnte, um in die neutralen niederländischen Gewässer zu gelangen. Damit war die Gefahr der Gefangennahme zunächst vorbei.

Die niederländischen Behörden und Militärs gaben sich alle Mühe, den Landungszug zu internieren. Die EMDEN hätte doch genug geleistet. Internierung bringt zwar ein paar Einschränkungen mit sich, ist aber gegenüber Gefangenschaft vergleichsweise angenehm und freizügig. Man hätte auf Sumatra bequem den Ausgang des Krieges abwarten können. Aber die Männer des Landungszuges wollten unbedingt nach Hause, sich im Kampf mit den Kriegsgegnern beweisen und mindestens die Siegesfeiern nicht verpassen.

Es kam ja dann ganz anders, auch wenn die Heimkehr des Landungszuges schließlich glückte. Ohne die Begeisterung der Mannschaft, ihr Vertrauen in die Offiziere - die werden schon einen Weg finden - und die Bereitschaft, ihr Bestes zum Gelingen der Flucht beizutragen, hätte mein Vater diesen Weg nicht beschreiten können.

Aus der AYESHA wird ein Kriegsschiff
Bis dahin war man sich aber nicht im Klaren, wie es eigentlich weiter gehen sollte. Da kam – wieder zufällig – in Padang eine Zeitung an Bord der AYESHA, in der zu lesen war, dass die Türken des osmanischen Reiches in Arabien mit Engländern in Kämpfe verwickelt waren, also Bundesgenossen der deutschen waren. Nun war der weitere Weg in die Heimat klar. Mit viel Überredungskunst machte mein Vater aus dem morschen und motorlosen Schoner AYESHA ein Kriegsschiff der kaiserlichen deutschen Marine. Das durfte nach Seerecht nicht festgehalten werden, musste aber kurzfristig den neutralen Hafen wieder verlassen. Trotz intensiver Überwachung durch die Niederländer gelang es, dem ebenfalls in Padang liegenden zivilen deutschen Dampfer CHOISING eine Botschaft zuzuschmuggeln mit einem Treffpunkt zur Übernahme des Landungszuges. Das Vorhaben klappte. Mit Wehmut in den Herzen des Landungszuges musste die AYESHA zur Spurenverwischung selbst versenkt werden.

Die CHOISING querte den ganzen Indischen Ozean von Ost nach West, ohne einem gegnerischen Kriegsschiff zu begegnen, mogelte sich bei Dunkelheit an der bewachten Zufahrt zum Roten Meer vorbei und setze den Landungszug beim jemenitischen Hafen Hodeida in Sichtweite eines französischen Panzerkreuzers ab, der, wenn er nicht geschlafen hätte, das Unternehmen hätte schnell beenden können.

Zurück zum Roten Meer
Die osmanischen türkischen Truppen im Jemen, die mit aufständischen Arabern ihre Probleme hatten, betrachteten den Landungszug mit seinen Maschinengewehren als willkommene Verstärkung, unterstützten ihn nur spärlich und führten ihn auf dem Landwege nach Sanaa, der jemenitischen Hauptstadt, in die Irre. Hier allerdings gelangte mein Vater an ein Darlehen eines pensionierten türkischen Generals und konnte damit den Landungszug vom Wohlwollen der türkischen Behörden und Militärs unabhängig machen. Ein Weiterkommen auf dem Landwege war unmöglich. Es ging zurück an das Ufer des Roten Meeres und dort weiter mit Sambuks, den dort üblichen Küstenseglern der Araber, immer auf der Hut vor englischen und französischen Kanonenbooten, die den Verkehr auf dem Roten Meer kontrollierten.

Kurz vor dem Hafen Lidd ereilte den Landungszug ein übles Missgeschick, als ein Sambuk auf ein Korallenriff auflief und sank; mit ihm die gesamte medizinische Ausrüstung und etliche Waffen.

Nächstes Ziel war die türkische Festung und Hafen Dschidda, über den auch islamische Pilger nach Mekka gelangen. Dieser Hafen wurde durch englische Kriegsschiffe total blockiert. Also musste der Landweg gewählt werden und die Segler gegen Last- und Reitkamele umgetauscht werden.

Der gesamte Distrikt um Mekka herum war Christen bei Todesstrafe verboten, zu betreten. Der Emir von Mekka, im Geheimen längst auf englischer Seite und mit englischen modernen Waffen zum Aufstand gegen die Türken ausgerüstet, wiegelte mit dem Argument einer Verletzung des heiligen Bezirks durch Ungläubige rd. 300 Araber zu einem Überfall auf den Landungszug auf. Nebenbei hatten die Engländer ein bedeutendes Kopfgeld in Gold für die Ergreifung oder Vernichtung des Landungszuges ausgesetzt, das die Angreifer sich gerne verdient hätten. Dem Überfall fielen leider 3 Teilnehmer des Landungszuges zum Opfer. Das waren die einzigen Kampfhandlungen, aber es war die größte Gefahr, die der Landungszug auf seinem Weg in die Heimat zu bestehen hatte. Eingekesselt gingen dem Landungszug das Trinkwasser und die Munition zur Neige. Im letzten Moment gelang es mit geschicktem Taktieren und einigen Finten, aus dem Kessel heraus und nach Dschidda zu gelangen.

Nach Konstantinopel
Der weitere Weg verlief ohne Zwischenfälle wieder auf dem Wasser an der Küste des Roten Meeres entlang zum Hafen El Weg, von dort mit Kamelen landeinwärts zum damaligen Endpunkt El Ula der von deutschen Ingenieuren und Firmen gebauten anatolischen Eisenbahn. Von hier an gab es für den Landungszug keine Gefahren mehr. An allen Haltestationen der Bahn gab es begeisterte Empfänge, so auch in Aleppo, der syrischen Hafenstadt, bis man Haidarpasha, den Endbahnhof auf asiatischer Seite von Konstantinopel, heute Istanbul, erreichte.

Einige Teilnehmer des Landungszuges kamen zunächst nicht in die Heimat zurück und wurden gleich wieder zur Unterstützung der verbündeten osmanischen Türkei im Lande behalten. Mein Vater und die übrigen fuhren mit dem Balkanexpress von Konstantinopel zurück in die Heimat, wo der Erfolg in Ermanglung sonstiger deutscher Erfolge an den Fronten gewaltig propagandistisch verwertet wurde. Alle Landungszugteilnehmer wurden gleich wieder militärisch eingesetzt, 20% von ihnen überlebten den 1. Weltkrieg nicht.

Emder Frauen fertigen die Decke an
Die Begeisterung in Deutschland im 1. Weltkrieg über die gelungene Heimkehr des einzigen geschlossenen Marineverbandes aus dem fernen Ausland, auf abenteuerlichen Wegen, die vorher kaum ein Christ und Europäer gesehen hatte, machte auch vor den Toren der Stadt Emden nicht halt. In Wochen und Monaten tagelang fertigten Frauen Emdens und Umgebung, verbunden in der Ortsgruppe Emden des „Flottenbundes Deutscher Frauen", mit Bienenfleiß ohne Entgelt als Ehrengabe für meinen Vater jene wunderschöne Tischdecke, die im Hause meiner Eltern als „EMDEN-Decke" bezeichnet wurde und zu schön war, um im Alltagsgebrauch Verwendung zu finden.

Nicht nur die gestickte Fertigung ist beeindruckend, das gesamte Konzept der Decke ist so harmonisch, ausgewogen und geometrisch exakt, mit dem Wappen der Stadt und den Stationen der Odyssee des Landungszuges der EMDEN, dass man wohl von einem kulturhistorischen Kleinod sprechen darf, und die Umstände, unter denen es entstanden ist, müssen nicht mehr so wichtig genommen werden.

In meiner Verwahrung kann die Decke weder sachgerecht gelagert, noch einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Ich freue mich, dass die Stadt Emden und das Ostfriesische Landesmuseum die Bedeutung der Decke für die Bürger ihrer Stadt und andere Interessierte erkannt hat und sie zukünftig im Landesmuseum als Dauerleihgabe ausstellen wird. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, das Eigentum an der Decke zu behalten. Wie kürzlich der Presse zu entnehmen war, fangen einige Kommunen wegen finanzieller Nöte an, ihre Museen zu fleddern, und Exponate zu verkaufen. Verscherbeln kann ich die Decke selbst, an Interessenten hat es nicht gemangelt. Ich glaube aber, dass die Decke in Emden, und nur in Emden richtig aufgehoben ist.

Abschließend möchte ich dem „Förderkreis Marinehistorisches Museum Karl von Müller", namentlich Herrn Dr. Bretschneider und dem kommissarischen Museumsdirektor des Ostfriesischen Landesmuseums Emden, Herrn Dr. Jahn, danken, dass sie mein Angebot aufgegriffen und für die Bürger Emdens und Umgebung in die Tat umgesetzt haben."

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Ehrengabe für Herrn Kapitänleutnant von Mücke
gestickt vom Flottenbund deutscher Frauen
Ortsgruppe Emden


Emden, Mai 1916